Siehe, ich mache alles neu

11. Februar 2026

Losungsgottesdienst mit Pastor Janssen

Jahreslosung (Bild: Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen)
Jahreslosung (Bild: Verlag am Birnbach - Motiv von Stefanie Bahlinger, Mössingen)

Ich persönlich schätze am Gottesdienst u.a. die Auslegung der jeweiligen Bibelstelle und die damit verbundenen Brücken zu einem oftmals sperrigen Text. Die diesjährige Bibelstelle scheint auf den ersten Blick diese Brücke nicht zu erfordern. Gott spricht: Siehe ich mache alles neu. Spontan fallen mir dabei allerdings die Bilder aus den weltweiten Kriegsgebieten ein, die unermesslichen Zerstörungen dort. Ist das das „neu“, das in diesem Bibelvers gemeint ist? Vielleicht hilft die pastorale Erläuterung doch.
Statt einer Einordnung hielt Pastor Janssen zunächst Irritationen bereit: Nicht nur, dass er erstmalig zur Jahreslosung predigte. Und dies, wo das Jahr schon einige Wochen alt ist. Vor allem Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Losungen insgesamt schwang in seinen Worten mit. Herausgelöst aus dem Kontext könne man in einen Vers alles Mögliche hineinlesen. Auch wirkten die jeweiligen Losungen auf ihn weniger „gelost“ als viel mehr gezielt zur aktuellen gesellschaftlichen Lage ausgesucht. Vor diesem durchaus kritischen persönlichen Hintergrund schlug er den Bogen zur Situation vieler Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes. Der Jahresanfang sei für viele von uns sicher mit guten Vorsätzen verbunden. Aber: Vieles von dem, was Gott in der Bergpredigt oder in den 10 Geboten formuliert, das habe sich von uns wohl kaum jemand vorgenommen. Und mit Blick auf durchaus positive Wünsche wie beispielsweise „mehr Gesundheit“ verstärkte er die anfängliche Irritation. So wichtig sie für jeden einzelnen von uns seien, vor Gott oder in der Bibel spielten sie überhaupt keine Rolle. Etwas anderes sei, wenn es um die Gesundheit anderer gehe. Sich um kranke Menschen zu kümmern oder für sie zu beten, entspräche viel mehr der Bibel. Selbstoptimierung, um es modern zu formulieren, sei kein christliches Gebot. Gott zu dienen, die anderen Menschen zu lieben, darum ginge es im Christentum. Uns selbst liebten wir in der Regel auch so schon. Noch so eine Irritation, die auf dem Rückweg vom Gottesdienst Gesprächsstoff bot.

Die Lieder des Gottesdienstes (Foto: S. Inselmann)
Die Lieder des Gottesdienstes (Foto: S. Inselmann)

Doch es blieb nicht bei den Irritationen. Die Jahreslosung 2026 steht auf der vorletzten Seite der Bibel im 21. Kapitel der Johannes-Offenbarung: Johannes berichtet dort vom Untergang der alten Welt so, wie wir sie kennen, vom Weltgericht, von der Auferstehung der Toten. Schließlich schafft Gott einen neuen Himmel und eine neue Welt. Vom Himmel kommt herab die neue Stadt Jerusalem. In seiner Vision hört Johannes die Sätze, zu denen auch unsere diesjährige Jahreslosung gehört:

Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein, ihr Gott. 4Und abwischen wird er jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein; denn was zuerst war, ist vergangen. 5Und der auf dem Thron sass, sprach: Siehe, ich mache alles neu!
(Johannes- Offenbarung, Kap. 21, Zürcher Bibel)

Eine Bibelstelle, die, so erläutert Pastor Janssen, oft für die Predigt am Ewigkeitssonntag ausgewählt werde, wenn wir der Toten gedenken, oder aber bei Beerdigungen. Es sei ein Versprechen, das Gott uns gibt. Gott sei hier der Handelnde. Ich kann auf ihn vertrauen. Ich selbst bin entlastet, ich kann und darf und muss mithelfen, aber ich bin nicht die alleinige Handelnde und damit auch alleinige Verantwortliche. Ein Vers, der Trost spendet, entlastet, stärkt, und das vor allem in Situationen, in denen das Neue alles andere als einladend ist, auch mit Blick auf das unerträgliche Leid in den aktuellen Kriegsgebieten. Er enthalte, so fährt Pastor Janssen fort, das Versprechen, das nicht alles mit dem Tod ende. Es gehe nach dem Tod weiter, es gäbe eine neue Welt, das „eigentliche“ Leben komme noch. Doch auch jenseits dieser existenziellen Situation helfe der Vers uns, unsere Vorsätze für das neue Jahr zu erfüllen, unsere Wünsche Realität werden zu lassen. Und so könne uns dieser Satz letztlich auch helfen, unser Leben bereits im Hier und Jetzt auf „das Gute“ auszurichten. Aber es sei eben auch nicht verkehrt, um die ursprüngliche Bedeutung zu wissen.

 

Eine ermutigende Übersetzung der Jahreslosung haben wir anschließend gesungen: „Vertraut den neuen Wegen, / auf die uns Gott gesandt! / Er selbst kommt uns entgegen. / Die Zukunft ist sein Land. / Wer aufbricht, der kann hoffen / in Zeit und Ewigkeit. / Die Tore stehen offen. / Das Land ist hell und weit. (Ev. Gesangbuch, Lied 395). Überhaupt, die Lieder haben den Gottesdienst meisterhaft abgerundet. Nicht zuletzt auch dank des wunderbaren Orgelspiels von Frau Osterried!

 

Was also so einfach schien, erwies sich bei dieser geführten Betrachtung als sehr viel komplexer als zunächst gedacht. Dank an Pastor Janssen für den anregenden, inspirierenden Abschluss des Wochenendes! Und wie gut, dass es diese „Übersetzungen“ gibt!

                                                                       Silke Inselmann